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Berufsstudium: Der dreifache Student

Ann-Kathrin Bache betritt derzeit viel Neuland. Gerade kommt die 19 Jahre alte Frau aus einer Vorlesung, bald muss sie ihre erste Hausarbeit schreiben. Diese Erfahrung machen alle Studienanfänger. Das Besondere in Baches Fall ist: Sie durchläuft neben dem Studium des Gesundheitsmanagements an der International Business School of Service Management (ISS) zugleich eine Ausbildung zur Kauffrau im Gesundheitswesen bei den Asklepios-Kliniken. Hochschule, Berufsschule, Unternehmen – alles auf einmal.

“Berufsstudium“ nennt sich das Hamburger Modell, welches die ISS gemeinsam mit der Berufsschule H20 Bramfelder See entwickelt hat. Zwar sind duale Studiengänge längst eingeführt und zunehmend beliebt (siehe Kasten). Auch Fernstudiengänge werden hier deutlich häufiger gewählt. Oft werden die Institutionen jedoch nacheinander durchlaufen, beziehungsweise die Hochschule ersetzt schlichtweg die Berufsschule. Die Initiatoren aus der Hansestadt werben dagegen, dass hier beide Stränge – Studium und Ausbildung – komplett und abgestimmt durchlaufen werden. „Eine solche Konstellation ist mir anderswo nicht bekannt“, sagt der Kanzler der ISS Michael Weber.

Überflüssiges streichen und durch akademische Elemente ersetzen

Der Anstoß zu dem Projekt kam vor rund zwei Jahren von Benno Lübbe, dem Schulleiter der H20. Die Berufsschule bildet Kaufleute für die Bereiche Büro, Sport, Gesundheit und Event aus. Damals stellten Lübbe und einige Unternehmensvertreter fest, dass einige der Auszubildenden vom Lehrplan unterfordert waren und deshalb verkürzen wollten. „Wer nach dem Abitur längere Zeit im Ausland war, der wird im Englischunterricht nicht mehr gefordert“, sagt Lübbe. Gleichzeitig äußerten viele der Betroffenen den Wunsch, nach der Lehre das Unternehmen verlassen und studieren zu wollen. Für die Unternehmen eine ungünstige Konstellation, schließlich drohten ihnen potentielle Arbeits- und Führungskräfte verlorenzugehen, in deren Ausbildung sie zuvor viel investiert hatten. Also kam Lübbe auf die Idee, für geeignete Kandidaten die überflüssigen Elemente im Stundenplan zu streichen und durch akademische Inhalte zu ersetzen. Das spart Zeit und Geld und verbessert die Qualität der Ausbildung. Aus Sicht des Berufsschulleiters eine optimale Verbindung.

Doch mit dem allgemeinen „Bedeutungszuwachs beruflicher Handlungskompetenz im Rahmen einer akademischen Managementausbildung“, wie ihn Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, ausmachen will, war es in diesem Fall nicht weit her. Auf der Suche nach einem Kooperationspartner tat sich Lübbe schwer. Die Bereitschaft auf Seiten der Hochschulen sei nicht groß gewesen, erinnert sich der Schulleiter, „ich habe viel Reserviertheit gespürt“.

Erst bei der ISS stieß er auf offene Ohren. „Ich fand die Idee sofort brillant“, erinnert sich der Studiendekan Burkhard von Velsen-Zerweck. Für den Hochmut mancher Kollegen gegenüber den Berufsschulen fehle ihm das Verständnis. „Wir können schließlich nicht alle nur die künftigen Vorstandschefs der Deutschen Bank ausbilden.“ Zudem sei die Ausbildung in einigen Fächern wie etwa Buchführung an den Berufsschulen in der Regel besser als an Hochschulen.

Also entstand ein gemeinsames Konzept: Einer der beiden Berufsschultage machte Platz für die ISS. Von 8 bis 17 Uhr heißt es nun einmal in der Woche für die Teilnehmer Hörsaal statt Schulbank. Der Mehrwert liege für die Teilnehmer darin, nun stärker abstrahiertes Denken vermittelt zu bekommen, sagt ISS-Kanzler Weber. Solch konzeptionelles Arbeiten sei wichtig, um später etwa Gedanken für einen Vorstand oder Vorgesetzten aufzuarbeiten und strukturiert vorzutragen. „Unsere Studenten sind aber immer noch mehr im Unternehmen als im Unterricht“, betont Weber den hohen Stellenwert des Praxisunterrichtes.

Hohes Interesse seitens der Unternehmen

Nach der Schulbehörde mussten dann auch die Unternehmen vom neuen Berufsstudium überzeugt werden. Das Interesse sei hoch gewesen, sagt Weber. Einige Betriebe übernehmen die monatlich knapp 500 Euro Gebühren an der privaten ISS für ihre Azubis, in anderen Fällen zahlen die Teilnehmer selbst. Dass im März nun das erste Semester mit der noch sehr überschaubaren Zahl von acht Studenten startete, liege vor allem an der Kürze der Zeit, die man zum Werben gehabt habe. Angestrebt werde eine Klassenstärke von bis zu 30 Personen. Schulleiter Lübbe sieht unter seinen 1000 Schülern rund 10 Prozent Potentialträger. „Das Berufsstudium wird sich durchsetzen“, sagt er.

Die Studentin Ann-Kathrin Bache findet die kleine Gruppe jedenfalls positiv und ist angetan vom Konzept des Berufsstudiums: „Dadurch spare ich eine Menge Zeit.“ Denn statt beide Qualifikationen in fünfeinhalb Jahren hintereinander zu erwerben, braucht die junge Frau jetzt nur noch vier Jahre. Eine Garantie für die Unternehmen zur Fachkräftebindung scheint der Hamburger Ansatz allerdings nicht zu sein. Denn Bache kann sich durchaus Alternativen zur nahtlosen Festanstellung im Anschluss an die Erstausbildung denken: „Vielleicht den Master machen oder ins Ausland gehen.“

Das duale Studium ist begehrt wie nie

Studium und Berufsausbildung kombinieren, das liegt weiterhin im Trend. Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung stieg die Zahl der dualen Studienplätze zur Erstausbildung im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent auf rund 64.000. Die Studenten beginnen ihre Laufbahn an einer (Fach-)Hochschule oder Berufsakademie sowie in einem Unternehmen. Auch die Zahl der Einrichtungen, die sich an diesem Modell beteiligten, ist bundesweit zuletzt gewachsen – und zwar um 10 Prozent. Dabei sticht vor allem der hohe Anteil von Kooperationen in betriebswirtschaftlichen Fächern heraus, der laut Berufsbildungsinstitut knapp zwei Drittel beträgt oder absolut betrachtet rund 30.000 Kooperationen.

Ebenfalls größer geworden ist die Angebotsvielfalt. Im vergangenen Jahr gab es schon 1384 duale Studiengänge. Davon entfielen 910 auf die Erstausbildung, der Zuwachs betrug 3,5 Prozent. Den Rest machten Angebote zur Weiterbildung aus. Überdurchschnittlich legten dabei ingenieurwissenschaftliche Fächer zu, auf die 372 Studiengänge mit rund 17000 Plätzen entfielen. Ebenfalls hoch ist die Nachfrage im Sozialwesen, worunter zum Beispiel soziale Arbeit, Pflegedienste und Rehabilitation fallen. Ausgehend von einer geringeren Basis ist die Zahl der Angebote hier um rund ein Viertel auf 31 Studiengänge und etwa 1900 Studienplätze angestiegen.

Etwas überraschend war der Trend ausgerechnet im Fach Informatik gegenläufig. Nahm die Zahl der dualen IT-Studiengänge im Jahr 2011 noch um satte 18 Prozent zu, sank sie im Vorjahr um 9 Prozent. Einen Überblick über alle Angebote bietet die Datenbank „Ausbildung Plus“ des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Bundesforschungsministeriums im Internet unter

 

Original-Artikel:

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/berufsstudium-der-dreifache-student-12177729.html

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