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Gerber: Tote Haut wird Handtasche

 

Weich, anschmiegsam, aber auch robust und strapazierfähig soll es sein. „Leder ist ein faszinierendes und vielseitig verwendbares Naturprodukt. Denken Sie nur mal an die Vielfältigkeit von Lederschuhen“, sagt Thomas Schröer vom Verband der Deutschen Lederindustrie e.V. Wanderschuhe brauchen widerstandsfähiges Leder, Glattlederschuhe dagegen besonders makelloses. Taschen, Kleidung, Möbel, Autositze, Reitsportutensilien – „Leder muss gut aussehen, atmungsaktiv, wasserabweisend und extrem belastbar sein“, sagt Schröer. Alles das aus den Häuten von Tieren rauszuholen, ist ein Job für Gerber.

Am Anfang eines jeden Verarbeitungsprozesses steht die Begutachtung des Materials. Die Tierhäute müssen gut gekühlt gelagert werden. Je nach Verwendungszweck wird aussortiert. „Für Möbel braucht man ganze Häute, für Schuhe einen kleinen fehlerfreien Teil.“ Fehler können etwa Schnitte, Risse oder Löcher sein, die natürlichen Ursprungs oder während der Schlachtung entstanden sind. Gerber müssen daher schon vor der Verarbeitung des Rohmaterials wissen, was aus dem Leder hergestellt werden soll.

Das Gerben ist ein aufwendiger Prozess. Der erste Arbeitsschritt ist das Weichen. Hier werden Schmutz und Konservierungssalze entfernt, zudem erhält das Rohmaterial den ursprünglichen Wasseranteil zurück. Das Leder wird grob zugeschnitten, nicht verwendbare Teile werden entfernt. Durch die Zugabe von Kalk und Schwefelverbindungen werden anschließend Haare sowie die Oberhaut entfernt. Äschern nennt sich diese Prozedur.

 

Dann entfernen die Gerber mit scharfen Messerwalzen verbliebene Gewebereste. Dieser Vorgang wird „Entfleischen“ genannt. Danach wird beim sogenannten Spalten das Leder auf eine gleichmäßige Dicke gebracht wird. Schließlich werden Säure und Salze hinzugegeben. Dieser Arbeitsprozess nennt sich Beizen und ist die Vorbereitung für den eigentlichen Gerbprozess. Nun werden Aluminium-, Eisensalze oder Tannin hineingegeben. Sie verwandeln das Rohmaterial in Leder. Dann wird es abermals entwässert und sortiert.

Aufwendiger und technischer Prozess

Fertig ist das Leder danach noch nicht. Erst ist das Falzen an der Reihe, bei dem das Material erneut auf eine gleichmäßige Dicke gebracht. Die Geber entfernen auch Unebenheiten auf der Rückseite. Falls noch Säure im Material enthalten ist, wird sie neutralisiert, anschließend wird das Leder eingefärbt. Fette machen das Produkt flexibel und weich. 

Um Leder zu trocknen, wenden Gerber zwei Methoden an: Mit einem Vakuumverfahren wird die Feuchtigkeit herausgesaugt, beim Hängetrocknen kommt das Leder in einen speziellen Ofen. Abschließend wird das Leder durch mechanisches Kneten erneut weich und geschmeidig. Beim Zurichten erhält das Leder sein endgültiges Aussehen. Je nach Zweck und Kundenwunsch bekommt das Material eine matte oder glänzende Oberfläche.

Jobs finden Gerber in Leder produzierenden Betrieben. Die meisten sind auf die Herstellung einer bestimmten Ledersorte spezialisiert. „Keine Fabrik kann alle Lederarten herstellen“, sagt Schröer. In Deutschland gibt es allerdings nur wenige Firmen. Hierzulande wird vor allem hochwertiges Leder für die Herstellung von Wanderschuhen, Taschen sowie für Möbel oder Autos produziert.

Die Ausbildung zum Gerber oder zur Gerberin ist staatlich anerkannt und dauert drei Jahre. Ein Hauptschulabschluss, naturwissenschaftliche Grundlagen sowie technisches Interesse sind Voraussetzungen. Die Azubis lernen alles rund um die mechanischen und chemischen Prozesse sowie das Bedienen der Maschinen. In der Berufsschule stehen die Fächer Mathematik, Chemie, Arbeitsschutz und Materialkunde auf dem Lehrplan.

Gute Jobchancen

Derzeit haben Gerber gute Jobchancen, denn Fachkräfte werden dringend gesucht. Nachwuchs ist rar, nur wenige Jugendliche ergreifen diesen Beruf. Schröer glaubt, dass das alte Handwerk zu wenig bekannt ist. Auch haben viele seiner Meinung nach ein falsches Bild vom Beruf. „Unser Handwerk hat sich in den letzten Jahrzehnten zum High-Tech-Beruf gewandelt. Die Arbeit wird überwiegend von Maschinen erledigt, auch die chemischen Stoffe stellen keine Gefahr dar“, sagt Schröer.

Schattenseiten kann er nicht erkennen, eher im Gegenteil: „Wir arbeiten in einem traditionsreichen Beruf, in dem ein sinnliches Produkt mit langer Haltbarkeit hergestellt wird.“

  • Gehalt: Variiert regional, zwischen 2.300 und 3.000 Euro/Brutto;
  • Ausbildung: Staatlich anerkannt, Dauer drei Jahre;
  • Arbeitszeit: Etwa 40 Stunden/Woche

 

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