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Slowakei: EU-Kommissar für Bildung erschwindelt Doktortitel

Er gehört zu den prominentesten Politikern seines Landes und war als EU-Kommissar für Bildung zuständig: Jetzt steht Jan Figel unter Plagiatsverdacht – seine Doktorarbeit soll er zusammenkopiert haben. Möglich wurde der Titel in einem slowakischen Hochschulsystem, in dem Mauschelei gedeiht.

Es sah so aus, als wäre Jan Figel der ideale Doktorand für das Thema: „Die Slowakei auf dem Weg in die EU“ heißt seine Dissertation – ein Heimspiel für den 52-Jährigen, der für die Regierung in Bratislava die Beitrittsverhandlungen geführt hat und dann 2004 zum ersten slowakischen EU-Kommissar aufstieg. Offenbar aber hat es sich Jan Figel ein wenig zu einfach gemacht – fast die ganze Arbeit, so fanden slowakische Journalisten heraus, ist aus Unions-Broschüren und offiziellen Beitrittsunterlagen zusammenkopiert.

Besonders pikant: Jan Figel war als EU-Kommissar für Bildung zuständig. Mit seiner umstrittenen Doktorarbeit, die er während seiner Amtszeit geschrieben und 2007 abgegeben hat, bringt er jetzt diejenigen gegen sich auf, die er zuvor auf seinem Brüsseler Posten eigentlich vertreten sollte – die Akademiker. In der Slowakei haben Studenten jetzt einen Aufruf gestartet, in dem sie die Überprüfung von strittigen Doktorarbeiten fordern.

Denn Jan Figel ist offenbar kein Einzelfall: Immer wieder sind in der Slowakei Politiker und einflussreiche Unternehmer auf dubiose Weise zu ihrem Titel gekommen. Derzeit steht der Landwirtschaftsminister unter Druck, weil er nach Ansicht von Kritikern Professor geworden ist, ohne die erforderlichen Bedingungen zu erfüllen. Und die Parlaments-Vizepräsidentin soll in ihrer juristischen Doktorarbeit ganze Abschnitte aus Parlaments-Drucksachen übernommen haben, ohne sie kenntlich zu machen.

Vor wenigen Wochen gab es zudem einen Skandal an der slowakischen Polizei-Hochschule: Dort sollen Bewerber gegen Bestechungsgeld durch die schwierige Aufnahmeprüfung geschleust worden sein. In diesem Fall zumindest gab es bereits Konsequenzen: Der Hochschulrektor wurde entlassen, die betroffenen Studenten flogen aus dem Hörsaal.

Wie die Hochschulen von prominenten Doktoranden profitieren

Dass prominente Absolventen an den Universitäten durchaus einen Bonus genießen, hat der Fall Figel gezeigt: „Er hatte eine herausgehobene Position, und das ist für uns eine Frage des Prestiges“, hat Hochschul-Rektor Vladimir Krcmery vor slowakischen Journalisten entwaffnend ehrlich eingeräumt: „Natürlich ist es für eine Hochschule immer gut, wenn sie unter den Lehrenden und den Doktoranden eine echte Persönlichkeit hat.“

Mit seinem Promi-Bonus kam Figel, der als EU-Kommissar einen dicht gefüllten Terminkalender hatte, auch bequem um die eigentlich verpflichtenden Doktorandenseminare herum: Als wichtiger Politiker wurde er kurzerhand zum Dozenten umdeklariert und hielt Vorträge an der Universität. Die wurden ihm offenbar als Studienleistungen angerechnet – im Gegenzug konnte die Hochschule mit einem prominenten Referenten glänzen.

Genau in diesem Punkt sehen Kritiker den Grund dafür, dass das slowakische Uni-System anfällig ist für Plagiate: Es gibt neben den staatlichen Hochschulen zahlreiche private Einrichtungen. Eine davon ist die „St.-Elisabeth-Hochschule für Gesundheitswesen und Soziale Arbeit“, an der Figel seine Dissertation eingereicht hatte. Für solche Institutionen, die oft auf die Studiengebühren angewiesen sind, ist ein berühmter Student als Werbeträger viel wert.

Dass dabei akademische Standards ausgehebelt werden, hat Hochschulrektor Krcmery offenbar billigend in Kauf genommen. Genüsslich zeigen slowakische Journalisten auf, was im Fall des einstigen EU-Kommissars alles verdächtig wirkt: So hat Figel zum Beispiel sein erstes Studium im Jahr 1983 beendet – in Elektrotechnik. Wieso er an diesen Abschluss problemlos einen Doktortitel in Sozialer Arbeit anschließen kann, hat bislang noch niemand erklärt.

Promotion in sozialer Arbeit: „Von Menschen für Menschen“

Eine andere Ungereimtheit zumindest hat Figel in einer Stellungnahme versucht zu entkräften: Journalisten hatten ihn gefragt, weshalb er mit einer Arbeit, die am ehesten in das Fach Politologie fällt und die gerade einmal vier Seiten zu sozialen Themen enthalte, ausgerechnet in Sozialer Arbeit promoviert habe. „Das Thema der EU-Erweiterung ist so vielseitig, dass auch die soziale Agenda dort hinein gehört“, hat Figel vor laufenden Kameras erklärt – und fügte dann verschwurbelt hinzu: „Bei der europäischen Integration geht es um Menschen, sie ist von Menschen für Menschen. Die soziale Agenda wird häufig unterschätzt, aber sie ist letztlich ausschlaggebend.“

Unter slowakischen Akademikern ist dennoch ein Aufschrei ausgeblieben. Die Vereinigung der slowakischen Doktoranden protestiert zwar, wählt aber einen vorsichtigen Ton. „Die Betroffenen sollten alle Unterlagen veröffentlichen, damit sie geprüft werden können“, fordert Katarina Stolarikova, die Vorsitzende der Doktoranden. Es sei aber hinlänglich bekannt, dass sich die Hochschulen stark in der Qualität von Lehre und Forschung unterschieden: „Damit haben auch die Titel ein jeweils anderes Gewicht.“ Nachrichten über Promotionsverfahren, „die nicht ganz korrekt gelaufen sind“, würden kein schlechtes Licht auf die Hochschulen generell werfen. Etwas weniger diplomatisch gibt sich Radislav Zemko, Geschäftsführer des slowakischen Studentenrats: In einer Pressemitteilung fordert er von Figel einen „verantwortungsvollen Umgang“ mit der Causa – schließlich gefährde er die „Ernsthaftigkeit von Wissenschaft und Forschung in der Slowakei“.

Die Studenten wollen jetzt dafür kämpfen, dass die Abschlüsse besser vergleichbar sind – nicht nur die Dissertationen, sondern auch die Bachelor- und Masterarbeiten. „Helfen könnte ein zentrales Register, in dem alle Abschlussarbeiten und die kompletten Unterlagen zur Bewertung veröffentlicht werden“, sagt Stolarikova: „Dadurch würde die Vergabe von akademischen Titeln transparenter.“

Im Fall Figel haben die Behörden inzwischen angeordnet, dass seine Promotion und auch gleich seine gesamte Hochschule überprüft wird. Wenn es für die St.-Elisabeth-Hochschule schlecht läuft, könnte sie das Promotionsrecht verlieren. Und Figel muss möglicherweise seinen Doktortitel in Sozialwesen zurückgeben. Selbst wenn es so käme, ein Trost bliebe ihm: Er hat noch drei Ehrendoktortitel.

Ursprünglich veröffentlich bei: http://www.spiegel.de

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